Pressemitteilung: Der verunglückte Aufruf zum „Klang der Stolpersteine“
Mit großem Befremden hat die FDP-Fraktion im Jenaer Stadtrat den diesjährigen Aufruf der Organisatoren zum „Klang der Stolpersteine“ zur Kenntnis genommen – anlässlich des Jahrestags des Pogroms, das am 9. November 1938 durch das NS-Regime und Mitläufer aus der Bevölkerung an den deutschen Juden verübt wurde. Der Aufruf wird den historischen Ereignissen und ihrer Bedeutung für die Gegenwart nicht gerecht. Darüber hinaus enthält er absurderweise eine israelfeindliche Komponente.
Die Juden verschwinden aus dem Gedenken
Bei der Formulierung der drei Ziele der Veranstaltungsreihe im Stadtgebiet kommen die Juden als Opfer der Gewalt des 9. November 1938 und der späteren Shoah nur noch am Rande vor. Auf der Website der Organisatoren werden die Ziele so beschrieben: „Sich zu verneigen vor den Opfern des Nazi-Terrors, ein aktuelles politisches Statement für universelle Menschenrechte, Respekt und Toleranz zu geben und – last but not least – die Stadt wenigstens für diesen besonderen Tag unzugänglich zu machen für Aufmärsche der Ewiggestrigen.“ Das Wort „Juden“ fällt dabei nicht ein einziges Mal.
„Dabei waren die Juden die Opfer des 9. November 1938 – und sonst niemand. Die zentrale Bedeutung der Shoah, die sich gegen die Juden richtete, verliert sich im Ungefähren“, erklärt Alexis Taeger, Vorsitzender der FDP-Fraktion.
Kein Wort zum Antisemitismus der Gegenwart
Seit dem 7. Oktober 2023 werden wir in der Welt und in Deutschland mit einer Welle des Antisemitismus konfrontiert. Mit keinem Wort geht der Aufruf auf diese Veränderung der letzten drei Jahre ein. Gerade in Deutschland stehen wir in der Pflicht, uns anlässlich des Jahrestages des 9. November gegen jede Form des Antisemitismus auszusprechen – gegen den traditionellen ebenso wie gegen den israelbezogenen Antisemitismus unserer Zeit. Der Aufruf schweigt dazu. Die Parole „Nie wieder“ bleibt so ohne Bedeutung für die Gegenwart.
„So eine Veranstaltung darf nicht im Betrauern der Vergangenheit verharren, weil das bequem ist. Sie muss die richtigen Schlüsse für die Gegenwart ziehen – und das heißt, an der Seite Israels zu stehen“, sagt Petra Teufel, stellvertretende Fraktionsvorsitzende.
Der Aufruf richtet sich ausdrücklich gegen Israel
Nach dem 9. November 1938 standen die Juden in Deutschland unter drastischem Auswanderungsdruck und mussten ihr Hab und Gut zurücklassen. Selbst wer in der kurzen Zeit bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs noch ausreisen wollte, konnte dies nur unter größten Schwierigkeiten, weil kein Land bereit war, Juden uneingeschränkt die Einreise zu erlauben. Vor diesem Hintergrund ist die Bitte der Organisatoren, keine Nationalflaggen mitzubringen, absurd: Sie wendet sich gegen das einzige Land, das Juden in Not jederzeit aufnimmt – Israel.
Die Organisatoren verbergen das nicht einmal. Auf ihrer Website heißt es wörtlich: „Es schmerzt uns sehr, dass es für den Klang der Stolpersteine notwendig geworden ist, dies seiner Glaubwürdigkeit willen auch in Richtung Israel zu äußern.“
Ausgerechnet zum Jahrestag der Verfolgung der Juden in Deutschland soll damit der jüdische Staat ausgeschlossen bleiben. Die Organisatoren biedern sich dem antiisraelischen Ressentiment an – auf Kosten des Gedenkens an die deutschen Verbrechen an den Juden.
„Hier versucht man sich offenbar einer zunehmend antiisraelischen bürgerlichen Mitte anzubiedern, anstatt in Zeiten steigenden Antisemitismus tatsächlich an der Seite des jüdischen Volkes zu stehen. Wer sich aus Angst vor der Kontroverse nicht positioniert, hat die Debatte schon verloren. Wir müssen aber diskutieren, wenn wir ‚Nie wieder‘ wirklich ernst nehmen“, so Petra Teufel.
Nie wieder heißt: an der Seite Israels
„Wer ‚Nie wieder‘ ernst meint, steht an der Seite des jüdischen Staates Israel. Als FDP-Fraktion hoffen wir, dass sich die Organisatoren eines Besseren besinnen. Denn auf diese Weise werden wir als Deutsche unserer Verantwortung gegenüber den Juden und Israel nicht gerecht“, so Alexis Taeger abschließend.
Quellen: Aufruf auf dem Flugblatt (klang-der-stolpersteine.de/wp/flyer-2026/) und Website der Organisatoren (klang-der-stolpersteine.de), Stand 31. Oktober 2026.